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Der aktuelle Prozent - Schmäh in neuer Dimension

Die angedachte Senkung der Mehrwertsteuer auf Lebensmittel von 10 % auf 5 % klingt nach großer Entlastung. Doch wer nachrechnet, merkt schnell: Der Effekt ist gering, Kosten werden weitergegeben und Inflation frisst die finanzielle Erleichterungen auf. Wirkliche Hilfe entsteht nicht durch Prozentsätze, sondern durch Bildung und einen konsequenten Kampf gegen Lebensmittelverschwendung.

Vorwort

In Zeiten steigender Preise, wachsender Unsicherheit und zunehmender sozialer Spannungen ist jeder Schritt gegen Inflation und gesellschaftliche Armut grundsätzlich zu begrüßen. Maßnahmen, die Menschen entlasten sollen, sind notwendig und richtig. Gerade jetzt braucht es politische Verantwortung, Augenmaß und den ernsthaften Willen, Lebensbedingungen nachhaltig zu stabilisieren. Dabei darf jedoch eines nie vergessen werden: Jeder Mensch unseres Landes hat das Recht auf Bildung, ausreichende Ernährung, medizinische Grundversorgung und ein Leben in Würde. Niemand sollte hungern müssen – unabhängig von seiner finanziellen Lage, seiner Herkunft oder seinen Lebensumständen. Ebenso selbstverständlich ist das Recht auf ein sicheres Dach über dem Kopf. Diese Grundbedürfnisse sind keine Privilegien, sondern elementare Voraussetzungen für soziale Teilhabe und gesellschaftlichen Frieden.

Der Umgang mit jenen, die weniger haben, ist dabei mehr als eine soziale Frage – er ist ein Maßstab für die Reife einer Gesellschaft und für die Qualität ihrer Kultur. Eine hochstehende, menschenwürdige Gesellschaft erkennt man nicht an ihrem Wohlstand, sondern daran, wie sie mit den Schwächsten umgeht. Wo Armut, Hunger und Ausgrenzung geduldet werden, verliert selbst wirtschaftlicher Erfolg seinen moralischen Wert. Gerade deshalb müssen Entlastungsmaßnahmen nicht nur gut gemeint, sondern auch tiefgreifend, wirksam und langfristig lebensstabilisierend sein. Symbolische Prozentpunkte, medienwirksame Ankündigungen oder kurzfristige Effekte reichen nicht aus, wenn sie im Alltag kaum spürbar sind oder neue Belastungen an anderer Stelle erzeugen. Was zählt, ist nicht die Schlagzeile – sondern die reale Verbesserung im Leben der Menschen.

In den Artikeln „Was ist es schon wert...“ & „Wenn es die Werbung verspricht, dann muss es stimmen...“  sind wir auf wichtige mathematische Begrifflichkeiten rund um die Finanzwelt eingegangen und haben emotionale – teils auch subversive – oder gar retrovaginale Methoden der Täuschung im Verkaufssinn beleuchtet.  Aus gegebenem Anlass möchten wir nun ein konkretes Beispiel aufgreifen, das aktuell die Tagespresse beschäftigt.

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Mehrwertsteueränderung in Planung

Die Inflation kletterte 2025 auf satte 3,6 Prozent und fiel damit in Österreich merklich höher aus als in fast allen anderen Ländern des Euroraums. Die geplante Senkung der Mehrwertsteuer auf ausgewählte Lebensmittel des täglichen Bedarfs von 10 auf 5 (bzw. 4,9 %) Prozent klingt auf den ersten Blick nach einer spürbaren Entlastung für alle - sind es doch mehr als 50% Ersparnis - jedoch nur auf die Steuer. In der öffentlichen Diskussion  wird häufig betont, dass Einkaufen dadurch billiger werden soll und Haushalte finanziell profitieren. Rechnet man jedoch genauer nach und betrachtet auch die wirtschaftlichen Begleitumstände, zeigt sich, dass der tatsächliche Effekt deutlich kleiner ausfällt, als es die Prozentzahl vermuten lässt. Zu den begünstigten Produkten gehören neben Milch, Butter und Eiern etwa Reis, Zwiebel und Knoblauch, Salate, Gurken, Paradeiser, Erdäpfel, Äpfel, Birnen, Steinobst wie Marillen, Brot und Gebäck.

Der Staat verzichtet durch diese Maßnahme auf rund 400 Millionen Euro an Steuereinnahmen pro Jahr. Das klingt nach sehr viel Geld und wirkt in der öffentlichen Wahrnehmung entsprechend gewichtig. Gleichzeitig ist vorgesehen, dass diese Summe in anderer Form wieder hereingeholt wird. Diskutiert werden unter anderem Abgaben auf nicht recycelbare Kunststoffverpackungen sowie zusätzliche Belastungen auf Importe aus dem Fernost-Raum. Diese Abgaben treffen formal Unternehmen und Importeure, werden jedoch in der Praxis über Preise, Verpackungskosten und Versandkosten an die Bürgerinnen und Bürger weitergegeben. Die Entlastung an einer Stelle wird damit durch neue Belastungen an anderer Stelle relativiert.

Rechenbeispiel: Teilt man die 400 Millionen Euro dennoch durch rund zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohner in Österreich, ergibt sich eine rechnerische Entlastung von etwa 40 Euro pro Person und Jahr. Das entspricht rund drei Euro pro Monat oder etwa elf Cent pro Tag. Selbst wenn wir es großzügig  auf 4 Euro runden, könnten wir davon nicht einmal im Monat einen Döner kaufen. Selbst unter der idealen Annahme, dass die Steuersenkung vollständig an die Konsumentinnen und Konsumenten weitergegeben wird, bleibt die Entlastung also sehr überschaubar. Beim einzelnen Einkauf sind es oft nur wenige Cent, die kaum bewusst oder gar  finanzreal wahrgenommen werden.

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In der Praxis endet die Rechnung jedoch nicht bei dieser Zahl. Eine Mehrwertsteuersenkung ist keine reine Rechenoperation, sondern verursacht in der gesamten Wirtschaft zusätzliche Kosten. Verpackungen müssen neu kalkuliert oder neu bedruckt werden, Preisschilder und Werbematerialien müssen angepasst werden, Kassensysteme und Warenwirtschaften benötigen technische Updates, und auch Online-Shops müssen ihre Preislogik umstellen. Diese Umstellungen betreffen nahezu alle Betriebe entlang der Lieferkette und verursachen reale Ausgaben.

Hinzu kommen steigende Verpackungs-, Energie- und Versandkosten sowie eine gelebte Inflation von rund vier Prozent, die sich besonders bei Lebensmitteln bemerkbar macht. Diese Preissteigerungen wirken dauerhaft und Jahr für Jahr. Die zusätzlichen Kosten, die durch steuerliche Änderungen, neue Abgaben und organisatorische Umstellungen entstehen, können von Handel und Industrie langfristig nicht selbst getragen werden. Sie werden daher schrittweise und indirekt an die Endkonsumentinnen und Endkonsumenten übertragen.

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Ein weiterer Aspekt, der in der öffentlichen Debatte kaum berücksichtigt wird, betrifft die Grundlage der Berechnungen selbst. Die angenommenen Einsparungen beziehen sich auf den gesamten Lebensmittelumsatz. In der Realität wird jedoch nicht jedes produzierte oder angebotene Lebensmittel verkauft. Ein erheblicher Teil geht entlang der Lieferkette verloren oder wird entsorgt – 1/3 gesamt im Handel, in der Gastronomie und in privaten Haushalten. Auf diese weggeworfenen Lebensmittel fällt zwar Mehrwertsteuer an, sie bringen aber keine reale Entlastung, weil sie nie konsumiert werden. Dadurch fällt der tatsächliche Nutzen der Steuersenkung nochmals geringer aus.

Momentum Institut: Preisdämpfende Maßnahmen bringen Ersparnis

Agenda Austria: Der MwSt - Murks

Gastronomie wird gefordert...

Parallel dazu fordert die Regierung ein, dass jedes Gastronomielokal zumindest ein kostengünstiges Gericht anbieten soll. Auch das klingt auf den ersten Blick hilfreich. Doch selbst ein günstiges Gericht kostet Geld. Rechnet man mit etwa 8 Euro pro Menü und geht von rund 20 Arbeitstagen im Monat aus, ergeben sich etwa 160 Euro pro Monat. Dabei sind aber Getränk(e) & Trinkgeld nicht inkludiert, das verdoppelt oft schnell den Preis auf 320 Euro, und da ist nicht einmal ein Espresso mitgerechnet. Das entspricht ungefähr 6 bis 12 Prozent eines durchschnittlichen Nettoeinkommens. Zum Vergleich: Die rechnerische Entlastung durch die Mehrwertsteuersenkung liegt bei rund 3 Euro pro Monat. Ein einziges zusätzliches günstiges Mittagessen kostet damit bereits ein Vielfaches dessen, was die Steuersenkung im Schnitt bringen soll.

Aus Sicht der Gastronomie ist diese Forderung jedoch schwer umzusetzen. Die Betriebe stehen selbst unter massivem Kostendruck: steigende Preise für Energie, Mieten, Personal, Rohstoffe, Lieferketten, Abgaben und Bürokratie lassen die Kalkulation immer enger werden. Ein günstiges Gericht kostendeckend anzubieten, wird unter diesen Rahmenbedingungen zunehmend unrealistisch.

Hinzu kommt, dass der wirtschaftliche Spielraum vieler Lokale längst nicht mehr bei den Speisen liegt. Die Margen auf Essen sind oft minimal oder bereits sehr knapp kalkuliert. Der tatsächliche Profit wird in vielen Betrieben heute über Getränke erwirtschaftet, nicht über die Küche. Gerade hier zeigt sich ein weiteres Problem: Kostengünstige Speisen werden häufig als Take-away bestellt – ohne zusätzliche Konsumation vor Ort, etwa von Getränken. Damit entfällt jener Bereich, der für viele Lokale überhaupt erst die Wirtschaftlichkeit ermöglicht.

Wer günstige Gerichte politisch einfordert, ohne gleichzeitig die strukturellen Kosten zu senken oder neue Modelle mitzudenken, verschiebt das Problem. Für die Gastronomie bedeutet das zusätzliche Belastung, Quersubventionierung oder den Zwang, an anderer Stelle Preise anzuheben. Ohne echte Entlastungen bei Energie, Abgaben oder Personal bleibt die Forderung nach billigen Speisen für viele Betriebe kaum realisierbar – und landet am Ende wieder indirekt beim Gast oder direkt in der Insolvenz des Lokals.

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Der Hausverstand zählt...

Dass solche Maßnahmen dennoch als große Entlastung wahrgenommen werden, liegt auch daran, dass Blendungen dort entstehen, wo das Nachrechnen schwerfällt. Prozentangaben, Millionenbeträge und Jahreszahlen wirken emotional stark, wenn man sie nicht sicher in Relation setzen kann. Viele Menschen haben Schwierigkeiten mit Rechenoperationen, manche sind von Rechenschwäche oder Diskalkulie betroffen. Das ist kein persönliches Versagen, macht es aber leichter, politische Schlagzeilen unkritisch zu übernehmen.

Umso wichtiger ist die Kompetenz des Rechnens. Wer Zahlen vergleichen, umrechnen und in den Alltag übersetzen kann, erkennt schneller, wie gering der reale Effekt mancher Maßnahmen ist. Rechenkompetenz ist damit nicht nur eine schulische Fähigkeit, sondern eine zentrale Voraussetzung für kritisches Denken und demokratische Teilhabe. Bildung ist durch nichts zu ersetzen, wenn es darum geht, zwischen Ankündigung, Willkür und Wirkung zu unterscheiden.

Eine reine Steuersenkung kann daher nicht das alleinige Ziel sein. Nachhaltiger wäre ein gezielter Invest in Bildung. Dazu gehört vor allem, Kochen wieder stärker in der Schule zu verankern. Gerade hier werden jedoch Stunden gekürzt oder Inhalte reduziert. Dabei liegt genau dort ein enormer Hebel: Wer lernt, aus wenigen, kostengünstigen Lebensmitteln schmackhafte und nahrhafte Mahlzeiten zuzubereiten, spart ein Leben lang Geld, wirft weniger weg und wird unabhängiger von kurzfristigen Preisaktionen oder politischen Prozentversprechen.

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Eine mögliche Lösung...

Ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass dieses Wissen früher selbstverständlich war. Mein Großonkel Franz Ruhm, bekannt als Radiokoch und Autor zahlreicher Kochbücher, hatte ein klares Prinzip: aus einfachen, leistbaren Zutaten gutes Essen zu machen. Seine Rezepte waren alltagstauglich, sparsam und zugleich genussvoll. Genau diese Kompetenz fehlt heute vielen Menschen nicht nur aus mangelndem Willen, sondern weil sie kaum noch vermittelt wird. Wirkliche Entlastung entsteht daher nicht durch Prozentpunkte, sondern durch Können. Wer kochen kann, kauft bewusster ein, nutzt Lebensmittel vollständig und reduziert Verschwendung.

Investitionen in Bildung, Rechenkompetenz und Ernährungskompetenz wirken langfristig stärker als jede kurzfristige Steuersenkung.

Darüber hinaus ist auch der Staat gefordert, neben der hauseigenen Inflation im Vergleich zu Nachbarländern, die Lebensmittelverschwendung konsequent in den Griff zu bekommen. Es kann nicht sein, dass wertvolle Lebensmittel in großem Ausmaß im Müll landen, während gleichzeitig über Entlastung diskutiert wird. Neue Konzepte und neue Strukturen der Verwertung müssen ausgebaut und intensiviert werden – etwa durch bessere Kooperationen zwischen Handel, Gastronomie und sozialen Einrichtungen, durch logistische Lösungen wie Essen auf Rädern oder durch eine systematische Weitergabe genießbarer Lebensmittel an Bedürftige.

Echte Entlastung beginnt dort, wo Menschen rechnen, denken und kochen können – und wo der Staat Rahmenbedingungen schafft, die Kosten nicht nur verschieben, sondern Verschwendung wirksam reduzieren. Last but not least - Bildung ist durch nichts zu ersetzen.....