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Von Digital Natives, Digital Immigrants und Digital Naives

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Erklärung zum Titels

Laut Definition: Digital Natives - auch Generation Y genannt - sind Menschen, die ab 1980 geboren wurden und mit Computern, Internet, Videospielen, Smartphones, Tablets und Social Media aufgewachsen sind. Digital Immigrants sind Menschen, die erst später im Leben mit digitalen Technologien in Berührung kamen und sich diese erst aneignen mussten. Sie sind in einer Zeit ohne das Internet oder moderne digitale Geräte aufgewachsen.

Digital Natives sind aber nicht automatisch Experten oder gar digitale Nerds. Oft fehlen ihnen grundlegende digitale Kompetenzen wie Datenschutzbewusstsein, kritisches Bewerten von Informationen oder ein fundiertes technisches Verständnis. Die Grenze zu kompetenzlosen Smartphonewhisher kurzerhand Digital Naives oder wienerisch "Digital Wehs" genannt, ist verschwimmend. Der Kompetenzgraben und Wissensunterschied zwischen beiden Gruppen scheint größer zu werden. 

Was ist die Ursache, warum nimmt die Gruppe der Digital Wehs zu?

Rückblende - vor über 30 Jahren

Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen. Ein kleiner, dunkler Raum. 8 PCs stehen herrenlos auf einem großen Tisch, kleine Monitore (schwarz/weiß) stehen erhöht auf zerfledderten Telefonbüchern. Eine losee Stromverteilung über alte Verteiler, keine Mäuse, keine Festplatten, kein Windows - nur DOS. Disketten statt Festplatte - es riecht irgendwie verbrannt. Den Geruch von Elektrosmog kannte ich nicht. Eine neue Welt zieht in die Schule ein. Als elektroaffiner Junglehrer im resten Dienstjahr muss ich mich um die neumodischen Schreibmaschinen kümmern. Die kollegiale Kritik ist groß, es gibt nur einen Drucker und kein Netzwerk. Das 10-Finger-System bleibt - der Begriff IKT ist noch nicht erfunden. Man spricht viele Jahre lang vom EDV-Unterricht und EDV-Schulen. Eine unverbindliche Übung....

Im Laufe der letzten 30 nimmt die Entwicklung in den Schulen langsam Fahrt auf. Viel langsamer als in der Privatwirtschaft und in der  Berufswelt. Aber es geht bergauf, auch wenn so mancher großer Stolperstein am Weg liegt. Überzeugungsarbeit auf allen Seiten, fehlende Finanzierungen, Skepsis und tw. Unverstämdnis für digitale Inhalte lasten teileweise schwer auf den Schultern des Schul IT Admins, der für sein berufliches Hobby kaum Anerkennung und wenn überhaupt geringe Entlohnung bekommt. Die breite Akzeptanz des Smatphones bricht das Eis zwischen analoger und digitaler Welt. Internetdienste und Sozial Media werden zu Best Friends für große und kleine Menschen.

DGB - Dezember 2024

Das mittlerweile Pflichtfach "Digitale Grundbildung" (DGB) hat seit einigen Jahren einen festen Platz im Stundenplan der 10- bis 14-Jährigen (Sekundarstufe I). Nicht nur hier, sondern auch in allen anderen Fächern sollen laut Lehrplan digitale Kompetenzen geschult - erprobt - werden. Dazu wird das eigene digitale Endgerät genutzt. Der Lehrplan ist vage, erlaubt alles und nichts. Klassische Lehrbücher mit jeder Menge Theorie gibt es, praxisnaher Step by Step Anleitungen sind Mangelware. Eine einheitliche Ausbildung der Kinder ist eine Frage des Engagements und des Könnens der Lehrkraft, daran hat sich in der Zeit der Entwicklung all die Jahre nichts geändert. 

Es gibt mehr DGB-Stunden zu verteilen als zumeist ausgebildete - kompetente - Lehrkräfte zur Verfügung stehen. Die Unterschiede in der Ausstattung der Schulen mit digitaler Peripherie sind groß, oftmals  inakzeptabel und unzumutbar. Was will man auch erwarten, wenn es in manchen Schulen nicht einmal einen eigenen Lehrerarbeitsplatz im Konferenzzimmer gibt.

Ein IT-Admin (oft einer, der ein wenig  mehr kann als die anderen Lehrer oder unfreiwillig dazu ernannt wurde) ist für Sokrates, Schoolfox, die digitale Peripherie und neuerdings auch für die digitalen Endgeräte seiner Schüler zuständig. 4 Wochenstunden Vergeltung für 440 Endgeräte sind schulische Realität und längst keine Ausnahme mehr, in der Privatwirtschaft undenkbar. Schulalltag .... der ganz normale (digitale) Wahnsinn. Quo vadis Schule - quo vadis DGB?

 

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Unsicherheit - Euphorie - Verzweiflung - Optimismus

Kurz vor meiner Pensionierung freue ich mich innerlich über den digitalen Aufschwung. Ein digitaler Aufschwung nach langem Warten, ein Aufschwung, der durch die Notwendigkeit der Covid-Periode (2020 - 2021) forciert wurde. Blended Learning und Distance Learning wurden zur ungewollten Realität. Kurzfristig wurden digitale Portale aus dem Boden gestampft, digitale Endgeräte für Kinder und Lehrende finanziert. Digitale Grundbildung sollte nicht nur ein Fach unter vielen sein, digitale Kompetenzen sollten in allen Fächern erworben werden, lautete die Devise. Die Euphorie am Ende der Corona-Pandemie war groß, auf in neue digitale - unbeschwerte - neue - sichere Zeiten.

Kurz vor meiner Pensionierung habe ich jedoch auch meine Zweifel - berechtigte Zweifel, das die gute Grundidee nur eine potschate Idee bleibt. Nicht alle Lehrer haben ein digitales Endgerät erhalten, der Ersatz für defekte Klassengeräte ist weitgehend ungeklärt. Weitere Lehrer - Klassengeräte sind nicht vorgesehen. Die Verantwortung dafür wird wie ein heißer Stein hin und her geschoben. Einige der erhaltenen Endgeräte schlummern bis heute in der ungeöffneten Orginalverpackung, die Bürokratie hat neben wienierische Hopertaschigkeit eine neue Funktion: automatisierte Email Autoresponder statt konstruktive Kommunikation. Zuständigkeistbereiche verschwimmen, man hat das Gefühl - nein die Einsicht, dass die rechte Hand nicht weiß was die linke tut. Man patzt sich nicht an, weder selbst noch gegenseitig. Ein österrreischische Problem? Eindeutig Nein - bei unseren Nachbarn ein ähnliches Bild auf weiten Strecken.

Das Must Have des MDM (Mobile-Device-Management) der Pflichschulen versiegt in der generellen Ablehnung des Weiterführens der Betreuung außerhalb der Sekundarstufe 1. Das digitale Portal des Bundesministeriums (Portal Digitale Schule - PoDS) schließt still und leise seine Pforten, nachdem es Unsummen an Steuergeld (rund 12 Millionen Euro) verschlungen hat. Der Aufbau des Nachfolgeprojekts bildung.gv.at wird weitere drei Jahre dauern und neue Kosten verursachen. Auch die grundlegende & sinnvolle Reform der österreichischen Schulbuchaktion im Bezug auf digitale Produkte (Ebook+, UEW-Unterrrichtsmittel eigener Wahl..) ist längst überfällig. Leider sind dort momentan im Schnitt nicht einmal 2€ pro SchülerIn für das gesamte Schuljahr für digitale Lernmittel verfügbar.

Auch bei der Nutzung und Pflege der digitalen Endgeräte gibt es große Unterschiede. Vom liebevollen - schonenden Umgang mit den digitalen Geräten bis hin zur demonstrativen Ablehnung, verdreckten und (mutwillig) zerstörten Geräten (fehlenden Tasten und Blenden, Rissen...)  ist alles dabei. Erschreckend ist die Dropout-Rate innerhalb von 4 Jahren, die eigenständige - voll bezahlte - Anschaffung eines neuen Gerätes ist alles andere als selbstverständlich. Kinder ohne Endgeräte im Unterricht häufen sich mit der Zeit. Ein Unterricht im Pflichgegenstand Digitale Grundbildung oft grenzwertig - oft aus der Not heraus eine theoretische Abhandlung. Auch ein Fach, das gerne situationselastisch gewandelt wird......

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Mein persönlicher Eindruck könnte täuschen, jedoch hat auch der Rechnungshof seine Bedenken im Herbst 2024 angemeldet. Fehlende Evalierung setzen ein großes Fragezeichen für das neues Schuljahr. Eine neue Regierung, neue Pläne - neue Ideen? Mit AI/KI in neue Zeiten? Naja, die KI Pilotierung des Bundesministeriums aus dem Jahre 2023 ist auf holpriger - lückenhafter Bahn. Über ein Jahr Verspätung hat nicht mal die ÖBB, die Toolsliste der zu testenden generativen KI wurde stark reduziert. MS Copilot in Office 365 für Lehrende ein scheinbar unerfüllter Wunschtraum, kein einziger Cent des Evalierungsbudgets kommt konkret nachhahltig und vor allem langfristig in den Schulen an. Nicht mal für die Kids...innovativ ist einfach anders. (Punkt)  Der Unterrichtsminister und Initiator der Pilotierung kündigt mit Beginn 2025 seinen Rücktritt an, das Projekt lastet über weite Strecken auf den Schultern einer einzelnen Person, die Pilotierung endet still und leise.

Es gibt auch positive Aspekte dieser Zeit. Vor allem, wenn die Tür des Klassenzimmers geschlossen wird, merkt man, dass die Covid-Generation digital etwas dazugelernt hat. Die Bereitschaft, neue digitale Inhalte zu lernen, ist vorhanden, das Anknüpfen an vorhandene digitale Kompetenzen ist leicht möglich. Aber der Wunsch nach analogem Unterricht ist größer. Plaudern, von Angesicht zu Angesicht diskutieren, im Kreis sitzen oder bei einer Pizza oder einem Butterbrot, das bringt Berge und Freude.

Direkte Gespräche - mündliche Konversation, direktes Feedback, konkrete  Regeln, zunehmend habe ich das Gefühl, dass alleinige digitale Hausaufgaben nicht gerne oder gar nicht erledigt werden. Digitale Inhalte werden als Addon zum Leben gesehen, analoges Leben muss wieder konkret erlebt - gelernt werden - als analoger gesellschaftlicher Kontrapunkt zu Social Media & Co. Kinder werden wählerischer, was Apps und Nachrichten betrifft. Das betrifft auch uns Lehrende mit unseren digitalen Lerntools...

Eine Tatsache, ein persönlicher Eindruck - wie auch immer: Hausübungen waren gestern, das hat sich mit Covid grundlegend geändert. Aufgaben, die zu einem definierten Ziel führen, stehen im Vordergrund. Ziel ist es - sich zu informieren - schlauer zu werden - den Horizont zu erweitern. Stupide Ausfüllaufgaben - repetitive Aufgaben & Übungen werden höchstens der Lehrperson zuliebe gemacht. Wirkliches Lernen findet nur von Mensch zu Mensch statt, die Emotionalität des Erzählens, die Persönlichkeit und Offenheit des Erzählenden stehen wieder deutlich im Vordergrund. Opas Erzählungen, die anschauliche Notwendigkeit des Lernens, das nicht "Ich will nicht dumm dastehen", hat eine neue Dimension. Noch nie war Unterricht so analog wie heute. Das digitale Lernen - die digitale Hilfe - KIKI kommt erst am Nachmittag. Qualitytime der neuen Dimension - I'm loving it.

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Am richtigen Weg - keine Frage - die Dosis macht es aus

Unser Leben ist analog - manche haben das wirklich vergessen. Die digitale Welt ist nur ein Faktor, ein Werkzeug mit einem einzigen Ziel. Freiraum und Entlastung für das wirkliche Leben zu schaffen. Kein Selbstzweck, kein Call of Duty of Underworld, kein KI-Ersatz, kein Terminator Skynet. Studien (vgl. Information Literacy Study ICILS 2023) lassen sich in die verschiedensten Richtungen interpretieren, um scheinbare Notwendigkeiten zu proklamieren. Ein ähnliches Bild auch in Deutschland.  Letztlich sollte man sich folgender alter Werte und Kompetenzen bewusst sein, die durchaus auch in Form von Studien hinterlegt sind. Wie schon Jöns Perzelius vor vielen Jahrhunderten beschrieb, kommt es auf die Dosis an, die Dosis zwischen analogem, realem Leben und digitaler Hilfe. Den Weg für sich selbst hinter der verschlossenen Klassentür zu finden, macht u.a. den Reiz des Lehrerdaseins aus.

Die mögliche wahre Ursache der digitalen Defizite 

Laut dieser aktuellen Studie hat ein Drittel der 14-Jährigen hat eine geringe digitale Kompetenz. Alles eine Frage der Perspektive, das Bundesministerium sieht die gleiche Studie durchaus positiv. Lernende kommen dabei in manchen Bereichen besser weg als Lehrende...

Woran liegt es, dass die Generation, die mit dem Smartphone aufgewachsen ist, diese digitalen Defizite aufweist? Liegt es vielleicht an der Qualität des digitalen Unterrichts? An der sehr unterschiedlichen digitalen Ausbildung und damit verbundenen Eigenkompetenz der Lehrkräfte? An der oft mangelhaften digitalen Ausstattung (Wlan, Beamer...) der Schulen? Möglicherweise, aber wie schon geschrieben nicht wissenschaftlich erhoben oder gar bestätigt. Aus dem Bauchgefühl der Lehrers heraus hat es aber vor allem mit den Kernkompetenzen Rechnen, Schreiben und Lesen der Auszubildenden zu tun. Auch hier gibt es große Defizite in gleichem oder teilweise noch größerem Ausmaß. Für Erwachsene gibt es konkrete Zahlen.

29 Prozent der Erwachsenen in Österreich haben Probleme mit dem Lesen ( Standard Artikel, Kurier Artikel). Rund 17 Prozent können nicht richtig schreiben und gut 12 Prozent der Erwachsenen haben eine deutliche Rechenschwäche (Dyskalkulie). 25 % aller 15 -16  Jährigen können nicht richtig Rechnen, Schreiben und Lesen, sie erreichen nicht die vorgegebenen Bildungsstandards. Die Dunkelziffer dürfte noch höher liegen. Merkwürdigerweise haben aber die meisten einen positiven Pflichtschulabschluss (Sek 1- HS oder MS Abschlusszeugnis), genaue Zahlen gibt es leider nicht. Österreich liegt in Bezug auf die EU-Benchmark zum Ausbildungsabbruch (Early Leaving from Education and Training) bei 8,6 % im Jahr 2023 bei den 18 bis 24-Jährigen, die keinen Abschluss der Sekundarstufe II oder einer Lehre haben beziehungsweise aktuell in keiner Ausbildung sind. Keine weiteren Worte...

Unser Fazit

Alle müssen lesen, schreiben und rechnen können, nicht nur um die digitale Welt zu verstehen & zu zu beherrschen. Diese Grundkompetenzen der Bildung müssen wieder forciert werden, sie gehören zu den Grundbausteinen und Grundfesten unserer Gesellschaft. Nicht nur in Österreich, sondern in allen Nationen und Ländern unserer Erde. Ohne diese kulturellen Bausteine und Grundkompetenzen wird es auch mit der digitalen Welt nicht klappen. Digital Natives der Generation Z und Alpha beherrschen diese ausreichend, Digital Naives haben hier häufig ihre Probleme. Keine absolute Erklärung, jedoch eine gut zu erkennende Grundtendenz im Unterricht der letzten 25 Jahren.

Unsere pädagogische Arbeit beschränkt sich längst nicht mehr vorwiegend auf die kognitiven Inhalte des Lehrplans. Lehrer mit Herz, Hirn und einer Prise Humor haben längst auch die Erziehungsrolle der Eltern/Großeltern übernommen. Nicht nur Inhalte, sondern vor allem Werte und Inhalte stehen täglich auf dem Stundenplan, den das tägliche Leben schreibt. Die Grundfertigkeiten Rechnen, Schreiben und Lesen stehen heute gleichberechtigt neben den sozialen Werten des Lebens und der digitalen Welt. Ein Blick auf das politische Weltgeschehen auf unserem Planeten ohne Ausweichmöglichkeit führt uns diese Notwendigkeit täglich vor Augen. 

Standard: Die digitale Spaltung – ein Problem?

Digital Naives?