Face-Swap-Apps: Erschreckend wenig Schutz vor Deep Nudes

Ein Selfie hochladen, das Gesicht mit einem Filmstar tauschen und das Ergebnis an Freunde schicken: Face-Swap-Apps wirken auf den ersten Blick wie ein harmloser Spaß. Mithilfe von Künstlicher Intelligenz können sie Gesichter in Fotos oder Videos austauschen, verändern oder sogar animieren. Doch die gleiche Technik kann auch missbraucht werden. Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass viele dieser Apps kaum verhindern, dass damit gefälschte Nacktbilder erstellt werden.
155 Apps im Sicherheitstest
Forschende der Cornell University und der Georgetown University fanden in den App-Stores von Apple und Google insgesamt 420 Face-Swap-Apps. 155 davon erfüllten die Voraussetzungen für einen genaueren Test: Bei diesen Apps konnten sowohl ein beliebiges Gesicht als auch ein eigenes Zielbild hochgeladen werden. Das Ergebnis ist erschreckend: Rund 70 Prozent der getesteten Apps verfügten über keinen wirksamen technischen Schutz gegen die Erstellung sexualisierter Face-Swaps. Im Apple App Store waren es sogar 80 Prozent, im Google Play Store 59 Prozent.
Zu den auffällig gewordenen Anwendungen gehören unter anderem RemakeFace, Reface und FaceTool. Einige Anbieter haben ihre Schutzfilter nach öffentlicher Kritik bereits verändert. Das zeigt allerdings auch, wie schnell sich Funktionen und Sicherheitsmaßnahmen solcher Apps ändern können. Wichtig ist dabei: Keine der untersuchten Apps bezeichnete sich in ihrer Beschreibung offiziell als Nudify-App. Nach außen wurden sie als harmlose Programme für lustige Fotos, kreative Effekte oder Unterhaltung präsentiert. Trotzdem konnten viele davon auch für problematische Bildmanipulationen verwendet werden. Die Forschenden sprechen deshalb von „Dual Use“: Eine Technik kann sinnvoll oder lustig eingesetzt, aber ebenso leicht missbraucht werden.
Die Untersuchung wurde im Mai 2026 als wissenschaftlicher Preprint veröffentlicht. Sie wurde also bereits öffentlich zugänglich gemacht, hat aber noch nicht das vollständige wissenschaftliche Begutachtungsverfahren durchlaufen. Die Ergebnisse sind dennoch ein deutliches Warnsignal.
Was bedeutet Nudify?
Nudify bedeutet sinngemäß „digital ausziehen“. Eine KI verändert ein normales Foto so, dass die abgebildete Person scheinbar nackt oder in einer sexualisierten Situation zu sehen ist. Eine andere Möglichkeit besteht darin, das Gesicht einer Person auf einen fremden Körper zu setzen. Das Bild ist zwar gefälscht, der Schaden ist aber echt. Solche Deep Nudes können zur Bloßstellung, für Cybermobbing oder sogar zur Erpressung verwendet werden. Für Betroffene macht es oft kaum einen Unterschied, ob die Aufnahme echt ist. Andere Menschen könnten sie für echt halten, weiterleiten oder beleidigende Kommentare dazu schreiben.
Solche Anwendungen heißen im App-Store nur selten offen „Nudify“. Sie tarnen sich häufig als Face-Swap-, Mode-, Körper- oder KI-Video-App. Bei Untersuchungen fielen unter anderem Bodiva, Best Body AI, Collart, DreamFace, FaceTool und RemakeFace auf. Einige dieser Apps wurden inzwischen entfernt, umbenannt oder nachgebessert. Eine Altersfreigabe oder die Aufnahme in einen offiziellen App-Store ist daher noch kein Beweis dafür, dass eine Anwendung sicher ist. Besonders schlimm ist es, wenn Fotos von Mitschülerinnen oder Mitschülern verwendet werden. Ein Bild aus einem öffentlichen Social-Media-Profil kann dafür bereits ausreichen. Du musst also niemals ein echtes Nacktfoto verschickt haben, um von einem gefälschten Bild betroffen zu sein.
Kein Spaß ohne Zustimmung
Vielleicht erscheint es manchen lustig, das Gesicht eines Freundes in ein anderes Bild einzubauen. Entscheidend ist aber, ob die betroffene Person damit einverstanden ist. Ohne Zustimmung kann selbst ein scheinbar harmloser Face-Swap verletzend oder demütigend sein. Bei sexualisierten Darstellungen hört der Spaß endgültig auf. Das Erstellen und Verbreiten solcher Bilder kann Persönlichkeitsrechte, Datenschutz und das Recht am eigenen Bild verletzen. Bei sexualbezogenen Darstellungen Minderjähriger kann auch ein vollständig künstlich erzeugtes oder manipuliertes Bild strafbar sein. Auch das Weiterleiten ist keine harmlose Handlung. Wer ein solches Bild bekommt, sollte es daher niemals in einer Gruppe posten oder anderen zeigen – auch nicht mit der Begründung, man wolle nur fragen, ob es echt sei.
Warum greifen die App-Stores nicht ein?
Apple und Google entfernen zwar Apps, die offen mit Begriffen wie „Nudify“ oder „Undress“ werben. Das allein löst das Problem aber nicht. Viele gewöhnliche Face-Swap-Apps besitzen technisch sehr ähnliche Möglichkeiten, ohne diese in ihrer Beschreibung zu erwähnen. Hinzu kommt, dass 68 Prozent der untersuchten Apps weitere KI-Funktionen enthielten. Dazu gehörten Gesichtsfilter, Animationen, Bild-zu-Video-Funktionen oder künstliche Stimmen. Aus einem manipulierten Foto kann dadurch ein noch überzeugenderes Deepfake-Video werden. Die Forschenden fordern deshalb strengere Regeln für App-Stores. Programme zur KI-Bildbearbeitung sollten verpflichtende Filter besitzen, die sexualisierte Manipulationen blockieren. Außerdem müssten Apple und Google Apps genauer testen, bevor sie zum Download angeboten werden.
So schützt du dich
Überlege dir genau, welche Fotos du öffentlich postest. Ein privates Profil kann das Risiko verringern, bietet aber keinen vollständigen Schutz. Lade außerdem keine Fotos anderer Personen in eine KI-App, ohne sie vorher zu fragen. Du weißt oft nicht, ob die Aufnahmen auf dem Smartphone verarbeitet, auf einen Server übertragen, gespeichert oder für andere Zwecke verwendet werden. Eine hohe Bewertung im App-Store sagt wenig über die Sicherheit einer App aus. Prüfe vor der Verwendung, wer hinter der Anwendung steckt, welche Berechtigungen sie verlangt und was in der Datenschutzerklärung über hochgeladene Bilder steht.
Was tun, wenn du betroffen bist?
Wenn von dir ein gefälschtes Nacktbild auftaucht, bist nicht du schuld. Auch dann nicht, wenn das verwendete Ausgangsfoto aus deinem Profil stammt. Sichere zuerst Beweise: Mache Screenshots von Nachrichten, Profilnamen, Links und dem Zeitpunkt der Veröffentlichung. Leite das Bild aber nicht unnötig weiter. Melde anschließend den Beitrag und den Account bei der jeweiligen Plattform. Vertraue dich einer erwachsenen Person an – etwa deinen Eltern, einer Lehrkraft oder einer anderen Person, der du vertraust. Bei Drohungen oder Erpressungsversuchen solltest du nicht bezahlen und keine weiteren Bilder schicken. In Österreich erreichst du Rat auf Draht kostenlos und anonym unter der Telefonnummer 147. Unterstützung beim Melden und Löschen bietet auch die Internet Ombudsstelle. Weitere Informationen findest du bei Saferinternet.at.
Fazit
Face-Swap-Technik ist nicht automatisch gefährlich. Sie kann kreativ sein und für lustige Effekte sorgen. Doch eine App, die Gesichter austauschen kann, benötigt klare Grenzen und wirksame Schutzfilter. Für dich gilt eine einfache Regel: Verändere Bilder anderer Menschen nur mit deren Zustimmung. Erstelle oder verbreite niemals sexualisierte Fälschungen. Ein Deep Nude zeigt zwar etwas, das nie passiert ist – für die betroffene Person können die Folgen trotzdem sehr real sein.