Social Media zwischen Spaß und Stress – die JIMplus-Studie 2026

Social Media verbindet, unterhält und informiert – kann aber auch stressen, ablenken und belasten. Die neue JIMplus-Studie 2026 zeigt, wie Jugendliche ihren digitalen Alltag wirklich erleben. Fast die Hälfte beneidet sogar Generationen, die ohne soziale Netzwerke aufgewachsen sind. Besonders TikTok sorgt für einen auffälligen Widerspruch zwischen intensiver Nutzung und geringem Wohlbefinden.
Vom Medienkonsum zum digitalen Wohlbefinden
Die JIM-Studie 2025 zeigte, welche Medien Jugendliche verwenden, wie viel Zeit sie am Smartphone verbringen und welche Rolle Künstliche Intelligenz inzwischen spielt. Die neue JIMplus-Studie 2026 setzt an einem anderen Punkt an: Sie fragt nicht nur, was Jugendliche online machen, sondern vor allem, wie es ihnen dabei geht.
Wichtig ist die genaue Bezeichnung: Es handelt sich um die ergänzende JIMplus-Studie 2026, nicht um die reguläre JIM-Studie 2026. Diese wird erst im November veröffentlicht. Die Ergebnisse lassen sich deshalb auch nicht eins zu eins mit den Zahlen des Vorjahres vergleichen. Dennoch ist eine deutliche Entwicklung erkennbar: Während 2025 vor allem Bildschirmzeit, KI und Mediennutzung im Mittelpunkt standen, geht es 2026 verstärkt um Stress, Vergleichsdruck, problematische Inhalte und digitales Wohlbefinden.
Für die aktuelle Untersuchung wurden zunächst 33 Jugendliche in einem digitalen Tagebuch begleitet und 20 von ihnen ausführlich interviewt. Anschließend wurden 800 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren in Deutschland repräsentativ online befragt.
Freunde schlagen Feeds
Soziale Medien gehören für 76 Prozent der Jugendlichen zu den regelmäßigen Freizeitaktivitäten. Damit liegen sie gemeinsam mit Musik und Podcasts an der Spitze der digitalen Beschäftigungen. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass sich Jugendliche dabei besonders wohlfühlen.
Nur 19 Prozent jener Jugendlichen, die Social Media regelmäßig nutzen, zählen diese Aktivität zu ihren drei größten Wohlfühlbeschäftigungen. Ganz anders sieht es bei persönlichen Begegnungen aus: 75 Prozent verbringen regelmäßig Zeit mit Freundinnen und Freunden. Für 64 Prozent gehört das Treffen mit Freunden außerdem zu den Aktivitäten, bei denen sie sich besonders wohlfühlen.
Die klare Botschaft lautet daher: Social Media ist zwar ständig verfügbar und wird intensiv genutzt, echte Begegnungen tun vielen Jugendlichen aber deutlich besser.
Social Media als Achterbahnfahrt
Jugendliche erleben soziale Netzwerke nicht ausschließlich negativ. 82 Prozent sagen, dass sie dort interessante Dinge erfahren. Viele entdecken neue Themen, finden Menschen mit ähnlichen Interessen oder bleiben mit Freunden in Verbindung. Social Media kann inspirieren, unterhalten und in schwierigen Momenten für Ablenkung sorgen.
Gleichzeitig berichten 72 Prozent, dass soziale Medien sie von anderen Dingen ablenken. 55 Prozent haben das Gefühl, dort ihre Zeit zu verschwenden, und 40 Prozent stellen nach der Nutzung Konzentrationsprobleme fest. Hinzu kommen schlechtes Gewissen, gereizte Augen, Schlafprobleme und der Druck, sich ständig mit anderen zu vergleichen. Nur 15 Prozent geben an, keine negativen Auswirkungen zu bemerken.
Besonders nachdenklich macht eine weitere Zahl: 47 Prozent der Jugendlichen beneiden Generationen, die ohne Social Media aufgewachsen sind. Bei den Mädchen sind es sogar 52 Prozent, bei den Jungen 42 Prozent.
Das TikTok-Paradox
TikTok fällt in der Studie besonders auf. 13 Prozent der Jugendlichen nutzen die Plattform täglich drei Stunden oder länger. Gleichzeitig sagen nur 33 Prozent, dass ihnen TikTok guttut. Damit landet der Dienst unter den untersuchten Plattformen beim persönlichen Wohlbefinden auf dem letzten Platz.
Trotzdem würden viele Jugendliche TikTok besonders vermissen. Nach YouTube liegt die Plattform hier auf Platz zwei, bei Mädchen sogar an erster Stelle. Genau darin zeigt sich das TikTok-Paradox: Jugendliche erkennen die belastenden Seiten der Plattform, können oder wollen aber nur schwer auf sie verzichten.
Der endlose Feed liefert ständig neue, genau auf die eigenen Interessen zugeschnittene Videos. Das sorgt für Unterhaltung, macht das Aufhören aber schwierig. Eine intensive TikTok-Nutzung steht in der Studie außerdem mit einem geringeren Wohlbefinden in Zusammenhang. Das beweist zwar nicht, dass TikTok allein die Ursache dafür ist, zeigt aber einen auffälligen Zusammenhang.
Fake News, Hass und verstörende Inhalte
Wie bereits die JIM-Studie 2025 zeigte, gehören problematische Inhalte zum digitalen Alltag vieler Jugendlicher. Die JIMplus-Studie 2026 untersucht nun genauer, was diese Begegnungen mit ihnen machen.
71 Prozent sind auf Social Media bereits Fake News begegnet. 43 Prozent berichten von extremen politischen oder religiösen Inhalten und 40 Prozent von Hate Speech oder diskriminierenden Beiträgen. Besonders belastend werden ungewollte Nacktbilder, Mobbing, drastische Gewalt, pornografische Inhalte sowie Beiträge über Selbstverletzung oder Essstörungen empfunden.
TikTok wird bei zehn von 13 abgefragten Problemkategorien am häufigsten als jene Plattform genannt, auf der Jugendliche mit solchen Inhalten rechnen. Hate Speech wird eher mit Instagram verbunden, ungewollte Nacktbilder vor allem mit Snapchat.
Viele Jugendliche reagieren darauf allerdings nur mit Weiterscrollen. 58 Prozent ignorieren problematische Beiträge, während lediglich 26 Prozent solche Inhalte der Plattform melden. Mehr als ein Drittel hat sich nach eigenen Angaben bereits an vieles gewöhnt, was im Netz eigentlich nicht in Ordnung ist.
Verbote allein reichen nicht
43 Prozent der Jugendlichen befürworten grundsätzlich ein gesetzliches Mindestalter für Social Media. Gleichzeitig hält mehr als die Hälfte ein Verbot für leicht umgehbar. Viele wünschen sich daher nicht nur strengere Altersgrenzen, sondern auch besseren Schutz direkt durch die Plattformen.
45 Prozent sehen YouTube, TikTok, Instagram und andere Anbieter in der Verantwortung. Hilfreich wären aus Sicht der Jugendlichen verständliche Zeitlimits, bessere Kontrollmöglichkeiten für den eigenen Feed und ein wirksamerer Schutz vor problematischen Inhalten.
Auch Regeln in der Schule werden unterschiedlich erlebt. 43 Prozent berichten von einem grundsätzlichen Smartphone-Verbot. Die Akzeptanz solcher Regeln steigt jedoch, wenn sie verständlich erklärt werden und Jugendliche in der Schule oder zu Hause über einen sicheren Umgang mit Social Media sprechen können.
Was hat sich gegenüber 2025 verändert...
Die JIM-Studie 2025 (wir haben darüber in diesem Artikel berichtet) machte deutlich, dass Smartphone, Social Media und KI nahezu selbstverständlich zum Alltag Jugendlicher gehören. Die durchschnittliche Smartphone-Bildschirmzeit lag bei knapp vier Stunden täglich. Zwei Dritteln fiel es schwer, ihre Bildschirmzeit selbst zu regulieren.
2026 rückt stärker in den Vordergrund, was diese intensive Nutzung emotional auslöst. Jugendliche sehen die Vorteile digitaler Medien sehr wohl, erkennen aber zugleich deren Schattenseiten. Sie fühlen sich verbunden und gleichzeitig unter Druck gesetzt. Sie finden interessante Informationen, verlieren dabei aber Zeit. Sie nutzen TikTok gerne, obwohl viele wissen, dass ihnen die Plattform nicht immer guttut.
Die aktuelle Studie zeigt daher keine einfache Entwicklung von „mehr“ zu „weniger“ Mediennutzung. Vielmehr wächst offenbar das Bewusstsein dafür, wie widersprüchlich Social Media sein kann.
Bewusst nutzen statt nur weiterscrollen
Social Media ist nicht grundsätzlich gut oder schlecht. Entscheidend ist, welche Inhalte Jugendliche sehen, wie lange sie online bleiben und wie sie sich danach fühlen. Ein einfacher Selbstcheck kann helfen: Bin ich nach dem Scrollen entspannter, informierter und besser gelaunt – oder eher unruhig, unzufrieden und erschöpft?
Medienkompetenz bedeutet deshalb heute mehr, als Apps bedienen oder Fake News erkennen zu können. Jugendliche müssen auch lernen, ihre eigenen Gefühle und Gewohnheiten wahrzunehmen, Grenzen zu setzen und sich bei belastenden Erlebnissen Hilfe zu holen. Schule und Elternhaus sollten sie dabei begleiten – ohne Panik, aber auch ohne die Probleme kleinzureden.
Die JIMplus-Studie 2026 zeigt vor allem eines: Jugendliche betrachten ihren digitalen Alltag durchaus kritisch. Sie brauchen keine Erwachsenen, die ihnen pauschal das Internet erklären oder verbieten. Sie brauchen ernst gemeinte Gespräche, nachvollziehbare Regeln und digitale Angebote, die ihr Wohlbefinden nicht dem nächsten Klick unterordnen. EIn Verbot alleine reicht da sicher nicht...
Den vollständigen Studienbericht der JIMplus-Studie 2026 gibt es kostenlos als PDF.