Loading color scheme

69 Kids für 3 Wochen ohne Smartphone

handyverbot

In einem spannenden Experiment wagten 69 Schülerinnen und Schüler eines Gymnasiums in Gänserndorf etwas ganz Besonderes: Sie verzichteten drei Wochen lang komplett auf ihr Handy. Die Smartphones blieben ausgeschaltet, und die Jugendlichen hielten ihre Erfahrungen in Offline-Tagebüchern fest. Begleitet wurde das Projekt vom Psychologen Oliver Scheibenbogen vom Anton-Proksch-Institut, der die Erlebnisse und Veränderungen wissenschaftlich in einer Studie einordnete.

Schon in den ersten Tagen war klar: Der Handyentzug ist kein Kinderspiel. Viele Jugendliche berichteten von Traurigkeit, Gereiztheit, Schlafproblemen oder sogar Kopfschmerzen. Doch nach und nach kam eine andere Stimmung auf – Stolz, Euphorie und die Freude, etwas durchzuhalten. Manche schrieben sogar: „Ich bin ohne Handy glücklicher“ oder „Ich höre plötzlich Vögel zwitschern“. Auch die Zeit für Familie und Freunde nahm spürbar zu.

Vor dem Experiment nutzten die Jugendlichen ihre Handys im Schnitt rund fünf Stunden am Tag – manche sogar bis zu 16 Stunden. Das liegt daran, dass Apps wie Instagram oder Snapchat das Belohnungssystem im Gehirn ansprechen und Dopamin ausschütten. Eigentlich soll der sogenannte präfrontale Cortex dabei helfen, Impulse zu kontrollieren. Doch dieser Teil des Gehirns reift erst bis zum Alter von etwa 28 Jahren vollständig. Das erinnert an das berühmte Marshmallow-Experiment von Walter Mischel, bei dem Kinder ihre Fähigkeit zur Selbstkontrolle unter Beweis stellen mussten.

Nach den drei Wochen zeigten die Ergebnisse deutlich: Das psychische Wohlbefinden der Jugendlichen stieg um mehr als 30 Prozent. Selbst sechs Wochen nach dem Experiment ließ sich dieser positive Effekt noch nachweisen. Der Psychologe spricht von suchtähnlichen Mustern beim Handygebrauch – egal ob es um Social Media oder andere Apps geht.

Aus den Erfahrungen leitet Scheibenbogen konkrete Tipps ab: Dreht das System um! Reagiert nicht sofort auf jede Benachrichtigung, sondern legt selbst fest, wann ihr das Handy verwendet. Aktiviert den Flugmodus, legt das Smartphone außer Sichtweite und verschiebt Apps mit Push-Nachrichten weg vom Startbildschirm. So behaltet ihr die Kontrolle.

Das Experiment zeigt eindrucksvoll: Auch wenn der Anfang schwer ist, kann eine Pause vom Handy viele Vorteile bringen. Mehr Ruhe, bessere Stimmung und mehr Zeit für das echte Leben – vielleicht ein guter Grund, selbst einmal den Flugmodus länger einzuschalten.

Der ORF-Videobeitrag "Dok 1 - Drei Wochen Handy-Entzug - Das Experiment" dazu ist dauerhaft verfügbar. Der ORF-Beitrag "Der Talk nach dem Handy-Experiment" ist auch durchaus interessant, ebenso wie der Beitrag "Smartphone-Verbot für Spaniens Kinder". Italiens Verbot von Smartphones an Schulen, bzw. die Rückkehr zu analogen Schulbbüchern geben ebenfalls zu denken.

Unsere Meinung

In den letzten Jahren wurde versucht, im Schulwesen die digitale Welle als eine Art neuen Nürnberger Trichter als Selbstläufer zu implementieren. Unzählige Apps und Webseiten wurden geschaffen, und Kinder ab der 5. Schulstufe erhielten im Zuge des 8-Punkte-Plans nach der Corona-Zeit ein eigenes digitales Gerät. Doch der Trend ist inzwischen rückläufig: In Österreich gilt bereits ein Smartphoneverbot an Schulen, in manchen anderen Ländern wird sogar über ein generelles Verbot bis zu einem bestimmten Alter nachgedacht. Auch eine Rückkehr zum analogen Schulbuch ist in einigen Staaten erkennbar – ebenso wie die Einrichtung von handyfreien Zonen für alle, auch Erwachsene.

Allerdings ist nicht das Smartphone oder das digitale Endgerät an sich der Stein des Anstoßes. Vielmehr sind es die zeitraubenden Social-Media-Apps und Spiele (digitale Zeiträuber), die den eigentlichen Sinn digitaler Unterstützung in den Schatten drängen. Was in der Berufswelt seit Jahren auf digitalen Endgeräten verpönt oder gar verboten ist, wird im Jugendbereich weitgehend ohne echte Schranken freigegeben. Bestehende Rechtslagen zur Nutzung solcher Social Media Apps (ab 14 Jahren in Österreich) und Spiele (vgl. Pegi) werden kaum konsequent umgesetzt, und die Möglichkeiten, Jugendhandys sinnvoll einzuschränken, sind unzureichend und werden von Eltern oft nicht genutzt. 

Aus unserer Sicht kommt es auf die Dosierung und die konstruktive Nutzung digitaler Medien an. Das Smartphone kann ein Arbeitsgerät, eine Lernhilfe, ein „Schlaumacher“ oder ein Buddy sein, der verlässlich unterstützt – bevor man beginnt, Halbwissen für Fakten zu halten – oder auch gleichzeitig selbst zu glauben, etwas zu wissen, ohne sich vorher (digital) wirklich schlau gemacht zu haben. Gerade darin liegt jedoch auch die größte Gefahr: dass wir uns zu sehr auf digitale Hilfen verlassen und das eigene Denken in den Hintergrund rückt. Wie einst Jöns Berzelius es schon sagte: Die sinnvolle Dosis macht es aus....

Unsere 4 Bildungswünsche an die Schule bzw. Gesellschaft von morgen:

1) Nicht raus aus der digitalen Welle, sondern klüger und effizienter darin schwimmen. Weg von Endgeräten mit zeitraubenden Apps, hin zu Geräten mit sinnvollen und helfenden Features, die Lernen und Arbeiten wirklich unterstützen.

2) Klare Trennung bei der Nutzung von Geräten. Freie - uneingeschränkte Endgeräte bzw. "zeitraubende Apps aller Art" sollen Erwachsenen vorbehalten bleiben. Für Jugendliche braucht es verpflichtende Jugendgeräte, auch im privaten Bereich, die Schutzfunktionen und Einschränkungen enthalten.

3) Sinnvolle soziale Medien nur mit Altersgrenze. Soziale Plattformen sollten erst ab 16 Jahren zugelassen sein. Manche Apps gehören gänzlich verboten – wie es bereits in einigen Ländern geschieht. Vor allem aber braucht es konkrete und ehrliche Aufklärung, damit Jugendliche verstehen, welche Chancen und Gefahren in der digitalen Welt liegen.

4) Eltern und LehrerInnen als echte Vorbilder. Kinder dürfen nicht als „elterliches Must Have“ oder "schulisches Material" betrachtet werden. Viel wichtiger ist es, sich Zeit zu nehmen, das Leben zu erklären und selbst vorzuleben, was Haltung, Werte und Wissen bedeuten. Erwachsene sollten ihre Kinder aktiv begleiten und durch eigene Vorbildwirkung zeigen, wie man mit Medien und dem Leben an sich umgeht. Nur so gelingt es, jungen Menschen Orientierung zu geben, ohne sie allein von der digitalen Welt formen zu lassen.

Digitale Medien sind mächtig – sie können euch helfen, schneller zu lernen, kreativ zu werden und euch mit der Welt zu verbinden. Aber: Lasst euch nicht von zeitraubenden Apps steuern. Nutzt eure Geräte bewusst und macht sie zu euren Werkzeugen, nicht zu euren Chefs. Die Zukunft gehört denen, die die digitale Welt verstehen – und trotzdem selbst denken.