Panta rei - Strom fließt - Geld rinnt...

1974 – gute alte anloge stromlose Zeit
Ich kann mich noch gut daran erinnern. Wir wohnten in einem alten Haus in Mödling, in der Fleischgasse 12. Elektrische Leitungen waren zwar vorhanden, die Kabel jedoch noch mit Leinen umwickelt. Elektrische Beleuchtung gab es in jedem Raum, allerdings mit sehr geringer Lichtausbeute. Das Leben fand überwiegend bei Sonnenlicht statt. Mit einbrechender Dunkelheit war Schlafenszeit angesagt – deshalb war uns Kindern der Sommer immer lieber. Mit Sonnenuntergang mussten wir zu Hause sein. Im Winter war das oft schon gegen 16:00 Uhr der Fall, im Sommer hingegen hatten wir deutlich mehr Zeit, um draußen zu spielen. Elektrischer Strom war für uns Kinder kaum präsent. Im Kinderzimmer mit knapp zehn Quadratmetern, das ich mit meinen zwei Schwestern teilte, gab es nur eine einzige Steckdose – sie war für die Schreibtischlampe vorgesehen.
Elektrische Verbraucher hatten Seltenheitswert. In der Küche stand ein Radio, und der Eiskasten wurde elektrisch betrieben. Der Staubsauger war rein mechanisch, ebenso Mixer und andere Küchengeräte. Gekocht wurde ausschließlich mit einem Holzherd. Ein Fernseher war zwar bereits am Markt verfügbar, doch wir konnten – oder wollten – uns keinen leisten. Wozu auch: Es gab nur einen Sender, der zudem nur zu bestimmten Zeiten Programm bot. Ein Ölofen stand in der Bauernstube, heißes Wasser kam vom Wasserschiff des Holzherdes. Geschirrspüler waren wir Kinder. Mikrowelle und Thermomix waren noch nicht erfunden, und der Griller wurde mit Kohle befeuert. Auch elektrisches Spielzeug hatte Seltenheitswert – meine damalige Rennbahn war rein mechanisch. Ebenso gab es kein Smartphone, keinen Computer und keine Spielkonsole. Auch beim Werkzeug funktionierte fast alles rein mechanisch – bis auf die blitzblaue Bosch-Schlagbohrmaschine, die sich mein Vater gemeinsam mit meinem Großvater teuer gekauft hatte. Sie war etwas Besonderes, kein Alltagsgerät.
Das Badezimmer hatte nur Kaltwasser. Gebadet wurde einmal pro Woche in strenger Reihenfolge: vom Großvater über die Großmutter, dann die Eltern und zuletzt wir Kinder – in einer Stahlbadewanne. Das Wasser - aus dem Wasserschiff des Holzofens - wurde dabei kaum gewechselt. Am Ende war es bereits stark verschmutzt und nur mehr lauwarm. Aus diesem Grund gingen wir zweimal pro Monat zusätzlich ins öffentliche Mödlinger Bad – nicht zum Schwimmen, sondern zum Waschen und Reinigen. Solche historischen Volksbäder, auch Tröpferlbäder genannt, waren damals gang und gäbe und für viele Familien ein selbstverständlicher Teil des Alltags. Auch die Wäsche wurde per Hand gewachen– mit einer Wäschrumpel, einem einfachen mechanischen Waschgerät; eine Waschmaschine, einen Trockner oder einen Geschirrspüler gab es in den Haushalten nicht.
Oft fiel der Strom aus oder es kam zu Kurzschlüssen. Die Leitungen und der Sicherungskasten waren mehr als mangelhaft. Eine Wand in der Abstellkammer stand permanent unter Strom – sie durfte nicht berührt werden. Ein aufgeklebter Zettel erinnerte uns stets daran. Elektrizität war für uns Kinder, abgesehen vom Kino, von der Eismaschine im Eissalon und der Batterien des Walkmen, keine echte Errungenschaft und ganz sicher kein Must-have des Alltags. Sie war da, aber unbemerkt und absolut nicht verlässlich. Sie begleitete sanft den Alltag – sie bestimmte ihn aber ganz und gar nicht. Über sie Stromrechnung wurde nie familiär gesprochen - nicht der Rede wert bei so wenigen elektrischen Verbrauchern.
2026 - die Elektriztät bestimmt unser Leben
Die blaue Bohrmaschine meines Vaters habe ich geerbt. In meiner Werkstätte findet sich nicht nur dieses eine Gerät, sondern insgesamt sechs weitere. Ein Bohrschrauber, eine Schlagbohrmaschine und ein Elektroschrauber mit jeweils 230‑Volt‑Anschluss. Dieselben Geräte besitze ich zusätzlich noch einmal in Akkuausführung. Und das ist längst nicht alles: Allein in der Werkstätte finden sich weit über 60 elektrische Werkzeuge.
Sich zu baden oder zu duschen ist heute keine Frage des Wochentages oder der familiären Reihenfolge mehr. In der Küche stapeln sich elektrische Küchenhelfer sowohl auf der Arbeitsplatte als auch in den Küchenschränken. Dazu kommen Unterhaltungselektronik, Computertechnik, Badezimmeraccessoires, Spielzeug, Flipper – bis hin zum elektrisch beheizten Wasserbett. Bei rund 200 elektrischen Geräten habe ich aufgehört zu zählen, dabei habe ich kein Smart Home. Etwa 50 Akkus für mobile Endgeräte müssen regelmäßig geladen werden. Man sagt, jeder Mensch besitzt rund 10.000 Dinge – ich denke, ein großer Teil davon wird heute elektrisch betrieben.
Die mindestens 5 Steckdosen in den jeweiligen Räumen reichen längst nicht mehr aus. Verteilerleisten, teils ineinandergesteckt, helfen, all diese Geräte zu betreiben. Nur das Auto ist noch mit einem Verbrennungsmotor ausgestattet, doch das nächste wird wohl ein Elektroauto werden. Die Suche nach einer freien Steckdose zum Laden des Smartphones und das Finden eines funktionierenden WLANs gehören inzwischen zu den alltäglichen Herausforderungen des modernen Lebens. Die Stromrechnung – vor allem die Jahresabrechnung im Herbst – hat es in sich. Der Preis pro Kilowattstunde ist seit den 1970er-Jahren um gut rund 1.000 Prozent gestiegen. Noch stärker gestiegen ist allerdings unser Stromverbrauch.
Genug Strom für alle
Mit der Zunahme elektrischer Verbraucher – und damit des Stromverbrauchs – musste auch die Stromproduktion in Österreich laufend ausgebaut werden. Wasserkraftwerke, Gas- und Kohlekraftwerke bilden dabei traditionell die wichtigsten Energieträger. Wind- und Solarenergie haben vor allem in den letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen. Insbesondere private Photovoltaikanlagen tragen heute wesentlich zur Deckung des täglichen Strombedarfs bei – zumindest im Sommer und über viele Stunden des Tages.

Elektrischer Strom lässt sich jedoch nur begrenzt speichern. In Österreich geschieht dies vor allem über Speicherkraftwerke. Innovationen im Bereich großskaliger Batteriespeicher befinden sich zwar in Entwicklung, stehen aber noch nicht in ausreichendem Maß zur Verfügung. In Spitzenzeiten, insbesondere im Winter, reicht der heimische Strom daher nicht immer aus. Österreich ist dann auf Stromimporte angewiesen. Dieser Strom stammt teilweise auch aus Atomkraftwerken – einer Technologie, die Österreich im eigenen Land seit Jahrzehnten konsequent ablehnt.

Der Stromverbrauch folgt einem klaren Tagesrhythmus. Besonders in den Abendstunden entstehen starke Verbrauchsspitzen. Da Photovoltaik zu dieser Zeit keinen Strom liefert und Speicher begrenzt sind, muss Österreich genau dann Strom importieren – auch aus Atomkraftwerken.
Strom der Zukunft
Trotz immer energieeffizienterer Geräte nimmt der Stromverbrauch Jahr für Jahr zu. Elektromobilität, KI-Anwendungen, Rechenzentren und eine stetig wachsende Zahl elektrischer Geräte tragen wesentlich dazu bei. Die Abhängigkeit von elektrischer Energie wird größer, und damit sind auch die Risiken eines großflächigen Blackouts nicht von der Hand zu weisen. Der Bau weiterer Kraftwerke kann diese Entwicklung nur teilweise abfedern und bleibt langfristig ein Tropfen auf den heißen Stein. Atomkraftwerke stellen dabei keine nachhaltige Lösung dar – weder aufgrund ihrer langen Bauzeiten und hohen Kosten noch wegen ungelöster Sicherheits- und Entsorgungsfragen. Neben der weiteren Verbesserung der Energieeffizienz auf Seiten der Endverbraucher ist vor allem die konsequente Weiterentwicklung leistungsfähiger Speichertechnologien von zentraler Bedeutung.
Darüber hinaus werden neue Konzepte der Stromgewinnung notwendig sein. Dazu zählen Fortschritte in der Fusionsforschung, neue physikalische Ansätze und ein tieferes Verständnis fundamentaler Zusammenhänge. Langfristig könnten daraus Energieformen entstehen, die heute noch rein theoretisch sind und auf den Prinzipien der modernen Physik beruhen – etwa jenen, die in der berühmten Formel E = m · c² (Albert Einstein) beschrieben werden. Für die nahe Zukunft bleibt jedoch ein verantwortungsvoller Umgang mit Energie, kombiniert mit technischer Innovation, der entscheidende Schlüssel.
Vision der Menschheit
Kriege werden heute wieder vermehrt geführt. Dabei geht es um Macht, Geld, Ressourcen – und letztlich auch um Energie. Energieknappheit, Abhängigkeiten und ungleiche Verteilung wirken dabei oft als Brandbeschleuniger bestehender Konflikte. Hoffnung auf eine friedlichere Zukunft besteht unter anderem darin, Energie für alle Menschen möglichst verlässlich, leistbar und weltweit verfügbar zu machen. Elektrische Energie spielt dabei eine Schlüsselrolle. Je unabhängiger Staaten und Gesellschaften von knappen oder geopolitisch sensiblen Energieträgern werden, desto geringer wird das Konfliktpotenzial.
Forschungsansätze zu neuen Energieformen, effizienteren Speichertechnologien und langfristig auch zu bislang nur theoretischen physikalischen Konzepten könnten hierzu einen wichtigen Beitrag leisten. Auch wenn solche Ansätze heute noch am Anfang stehen, zeigt sich: Technologischer Fortschritt allein schafft keinen Frieden – aber er kann eine wesentliche Voraussetzung dafür sein.